Die kleine Seele Eryjon (Teil 5)

Eryjon spürte Wärme, die Wärme ließ ihn erwachen. Er befand sich in einem hell erleuchteten Raum. In dem Raum befanden sich mehrere Menschen, die alle auf einmal zu reden schienen. Eryjon verstand ihre Worte nicht, doch er spürte, dass sie sehr aufgeregt und besorgt waren. Er wurde hochgenommen und fortgetragen, er fühlte, etwas stimmte nicht, seine Geburt in das neue Leben hatte sehr viel Angst in den anwesenden Menschen ausgelöst. Er sehnte sich danach, von seiner Mutter in den Arm genommen zu werden, doch statt ihrer liebevollen Umarmung wurde er in ein Tuch gehüllt und in ein kleines Bettchen gelegt. Er konnte hören, wie sein Vater weinte und sich nicht beruhigen konnte. Da begriff er, seine Mutter hatte seine Geburt nicht überlebt. Tiefe Trauer breitete sich in dem kleinen Lebewesen Eryjon aus. In jenem Leben lernte er seine Mutter niemals kennen, doch er spürte Dankbarkeit in sich, dass sie ihm das Leben geschenkt hatte. In der ersten Zeit nach seiner Geburt kümmerte der Vater sich kaum um Eryjon. Er überließ die Versorgung des Säuglings seiner Mutter. Für ihn war es zu schmerzhaft, Eryjon zu betrachten oder ihn gar in den Arm zu nehmen, da sein Leben den Vater an den Tod seiner Frau erinnerte. So brauchte es eine Zeit, bis der Vater den Tod seiner Frau ganz überwunden hatte. Eryjon fühlte sich sehr allein, ohne Mutter, ohne Vater. Seine Großmutter gab sich alle erdenkliche Mühe, dass es Eryjon gut gehen sollte, doch auch sie trauerte um die Tochter. Sie hatten alle so viel zu tun, dass Eryjon sehr wenig Beachtung erhielt. So lag er die meiste Zeit alleine in seinem kleinen Bettchen und fühlte Trauer und Alleinsein.

Eines Tages, die Großmutter hatte ihn gerade mit Nahrung versorgt und wieder in sein Bettchen gelegt, geschah etwas Wundervolles: Als Eryjon hochblickte, schaute er direkt in die Augen eines geistigen Wesens. Das geistige Wesen sprach zu ihm, sagte ihm, dass er in diesem Leben eine ganz besondere Aufgabe gewählt hatte, die Aufgabe, den Menschen Heilung zu schenken. Das geistige Wesen erklärte ihm, dass er auf Erden gekommen sei, um als Führer dem Göttlichen Sein zu dienen, damit die Menschen über ihn die eigene Seele finden würden. Von da an sah Eryjon das geistige Wesen immer wieder, es teilte ihm Botschaften mit, die ihn auf seine Aufgabe vorbereiteten.

Nach einigen Monaten hatte der Vater seine Trauer um seine Frau so weit verarbeitet, dass er sich um Eryjon allein kümmern konnte. Die Großmutter war jedoch weiterhin eine wichtige Bezugsperson für Eryjon. Ihr teilte er in seinem Heranwachsen zum Jugendlichen alle Kümmernisse und Gefühle mit. Zu dem Vater blieb seine Verbindung immer ein wenig verschlossen, sodass Eryjon außer der Großmutter und dem Geistwesen niemanden hatte, mit dem er sich intensiv austauschen konnte. Eryjon erkannte schnell, dass er mehr sah als die meisten Menschen, so konnte er erkennen, wenn Krankheit die Menschen oder die Tiere befiel. Als er zehn Jahre alt war, sagte er der Großmutter, dass er in des Vaters Aura Krankheit sah und dass das Geistwesen gesagt habe, dass der Vater nun bald zur Mutter gehen würde, er solle nicht traurig sein, es wäre für den Vater die Zeit gekommen zu gehen. Die Großmutter sagte ihm, dass er nicht darüber reden dürfe, dass viele Menschen es nicht verstehen würden, was er wisse und sehe – aus Angst. Sie bat Eryjon, das Geistwesen zu fragen, ob es für ihren Sohn noch Rettung gab, das Geistwesen sagte Eryjon, dass der Vater gehen müsse, dass seine Zeit auf Erden beendet sei, doch vielen werde er noch helfen, wenn die Zeit reif sei für ihn, als Heiler zu wirken. So starb sein Vater und Eryjon konnte, durfte nichts tun, um ihn zu retten. Kurz nach dem Tod des Vaters sah Eryjon Krankheit bei einer Freundin seiner Großmutter, er sagte es der Großmutter. Da die Freundschaft stark war, sprach diese mit ihr. Sie sagte der Großmutter, dass sie Schmerzen habe und es ihr oft nicht gut gehe. Die Freundin bat Eryjon, das Geistwesen zu fragen, ob Heilung für sie möglich wäre. Das Geistwesen sagte, dass er, Eryjon, die Frau mit seinen Händen am Kopf und auf der Brust berühren solle, dann solle er Gott bitten, seine Heilkraft durch ihn fließen zu lassen, so würde die Frau wieder gesund sein. Eryjon sagte, was das Geistwesen ihm mitgeteilt hatte. Die Freundin bat ihn, zu tun, was das Geistwesen ihm geraten hatte, damit sie Heilung durch ihn erfuhr. Nachdem Eryjon alles wie vom Geistwesen beschrieben getan hatte, ging es der Freundin mit einem Mal sehr gut. Die Schmerzen waren weg und sie fühlte sich befreit.
Eryjon fragte sich, woran es lag, dass der Vater keine Heilung erfahren konnte, die Freundin seiner Großmutter jedoch wohl. Er verstand dies nicht und bat das Geistwesen, ihm eine Antwort zu geben, doch diesmal schwieg es. Eryjon wusste, die Zeit war nicht reif, Antwort zu erhalten.

So kam es, dass Eryjon begann, in jungen Jahren seine Aufgabe als Heiler zu leben. Zuerst waren es wenige, doch mit den Jahren hörten immer mehr davon, dass er Heilung schenken konnte. Mehr und mehr Menschen strömten zu ihm. Vielen, vielen half er, doch einigen wenigen konnte er keine Heilung schenken. Immer wieder fragte er das Geistwesen, doch die Antwort blieb aus.

In der Zeit, in der Eryjon lebte, wurde es nicht von allen gerne gesehen, dass es Menschen gab, die wie er die Fähigkeiten besaßen, Heilung zu schenken. So gab es Machenschaften, die verhindern wollten, dass die Menschen sich in jener Weise mit Gott verbanden. Sie behaupteten, dass dies alles Gotteslästerung sei, dass die Menschen mit dem Teufel im Bunde seien und dass nur der Tod die Gotteslästerung und den Teufel austreiben konnte. Eryjon wusste darum, doch die Kraft des Heilers in ihm war so stark, dass er sich dem nicht entziehen konnte.

Eines Tages, als Eryjon gerade einem verzweifelten Menschen, der ihn um Heilung bat, helfen wollte, wurde die Tür aufgerissen, Männer stürmten herein und nahmen ihn gefangen. Eryjon wusste, dass sein Leben bald beendet sein würde, getötet von Menschen, die vorgaben, Gott zu folgen, aus Gott heraus zu handeln. So bat er darum, seine Großmutter noch einmal sehen zu dürfen. Man ließ es zu, dass sie zu ihm kam, er sagte ihr, dass das Geistwesen gesagt habe, dass seine Zeit gekommen sei, sich mit ihm auf der anderen Ebene zu vereinen, dass sie nicht traurig sein solle, er wäre stolz auf all jenes, was er getan habe, stolz darauf, so vielen Hilfe und Heilung geschenkt zu haben. Seine Großmutter weinte sehr, sie sah, dass er gefoltert worden war, sah aber auch die Stärke seines Glaubens an Gott. So umarmte sie ihn ein letztes Mal im Wissen, dass sie sich immer lieben würden. Eryjon erlebte das Grauen jener Zeit, erlebte Folter und Schmerz. Die Machenschaften wollten, dass er zugab, Gott verleugnet zu haben, aber was sie auch taten, er blieb seinem Glauben treu und Gott, der durch ihn gewirkt hatte. So wurde er zum Tode durch Feuer verurteilt. An dem Tag seiner Hinrichtung starb morgens seine Großmutter, das Geistwesen hatte es ihm erzählt, dass ihr Herz aufgehört habe zu schlagen und ihre Zeit gekommen sei, nun wie er die Erde zu verlassen.

Als Eryjon auf dem Scheiterhaufen stand, sah er wieder das Geistwesen, welches ihn liebevoll und sanft berührte in jenem Moment, in dem das Feuer angezündet wurde. Er spürte keinen Schmerz, sah sich außerhalb seines Körpers stehen, sah, dass er ein Geistwesen war. Sein Körper war leblos ohne seine Seele, leblos und leer, eine Hülle, die er nicht mehr besaß. Dann kam ein großes Licht auf ihn zu. Aus dem Licht heraus trat seine Großmutter. Sie war gekommen, ihn zu holen, um mit ihr gemeinsam zu Gott zu gehen. Eryjon ging zu ihr in das Licht hinein.

Das nächste, was er wahrnahm, war die zärtliche Umarmung des Göttlichen Seins. Er fühlte die allumfassende Liebe des Göttlichen Seins und wusste, er war zurück auf den Planeten Gottes Heimat gekommen.
Eryjon fragte das Göttliche Sein nach seiner Großmutter aus dem damaligen Leben. Das Göttliche Sein lächelte und sagte ihm, dass ihre Seele da sei und bereit sei, mit ihm auf die Reise zu gehen, um auf Erden den Mitseelen zu helfen, den Weg nach Gottes Heimat zu gehen.

Das Göttliche Sein sagte Eryjon, dass die Rückschau beendet sei und dass er jetzt alles an Wissen in sich trage und alle Gefühle neu erlebt habe, um auf Erden mitzuwirken, dass alle Mitseelen den Weg zu ihm, dem Göttlichen Sein, finden und gehen, damit alle vereint sind auf dem Planeten Gottes Heimat, um den Frieden und die Liebe zu leben.

Eryjon war bereit!

 

Licht und Liebe
Birgit

Hinweis:
Verfasst von Birgit Aulich